Ja, ich weiß. So lange lässt nicht mal  BBC seine Zuschauer auf eine Fortsetzung warten.

Wo waren wir stehen geblieben? Stimmt, am Flughafen, verpasster Flug, ohne Gepäck, mitten in der Nacht. Und alle Mitarbeiter von LAN konnten mir nicht weiter helfen. Nicht beim Gepäck und nicht dabei, den Flug umzubuchen. Also bin ich einfach erstmal wieder zurück nach Lima gefahren. Und nach einer Weile stellte sich auch die Entspannung ein, als ich begriff, dass ich noch eine Weile in Peru verbringen konnte und noch nicht sofort wieder zurück in den Alltag musste.

Am nächsten Morgen erklärte ich das ganze Dilemma meiner Familie, vor allem, dass sie sich keine Sorgen machen sollten, was in solchen Momenten ja irgendwie relativ sinnlos ist zu bitten, weil sie sich ja doch Sorgen machen, und machte mich danach auf den Weg zum Flughafen – eine Stunde Combi Fahren, mit 1x Umsteigen -, um mir einen neuen Rückflug zu besorgen und eventuell herauszufinden, wo mein Gepäck denn nun eigentlich abgeblieben war. Aber all das nett Lächeln, Komplimentieren und hilflos Schauen half nichts: Ich wurde von einem Schalter zum nächsten, von einem Büro zum anderen geschickt, nur um am Ende des Tages noch verwirrter zu sein.

Fazit: Meine Koffer ließen sich im computergestützten Suchsystem nicht auffinden und keine der Damen bei Lost & Found wusste, was man da jetzt macht, außer am nächsten Tag nochmal zu schauen. LAN war nicht zuständig für mein Ticket, da es Eigentum von Delta Airlines, meiner Anschlussfluglinie, war. Zu allem Überfluss stürzte im Delta-Büro just in dem Moment der Rechner ab, als der Angestellte nachsehen wollte, wann denn ein Flug für mich frei wäre. Wenigstens hier kam ich dann doch einen Schritt weiter: ich hatte eine Telefonnummer und eine Adresse in Lima – vom Büro von Delta Airlines.

Der nächste Tag brachte dann auch schon die nächste Enttäuschung: ich stand – nach einer dreiviertel Stunde Busfahrt – in der Empfangshalle des Bürokomplexes, in dem Delta Airlines seinen Sitz hat, nur um zu hören, dass sie genau an dem Tag geschlossen hatten.

War das ein Zeichen? Anscheinend sollte ich doch länger in Peru bleiben? Ich versuchte, mir alles nicht so zu Herzen zu nehmen, auch wenn meine peruanischen Freunde schon selbst wütend über die Unfähigkeit ihrer eigenen Landsleute wurden. Ich verbrachte sehr viel Zeit damit, E-Mails zu schreiben – an meine Eltern und Freunde,  später hatte ich eine Adresse von Delta bekommen, um mein Gepäck orten zu lassen -, mit der Lost & Found Abteilung im Flughafen zu telefonieren – ich konnte meine Gepäcknummern dann schon auswendig – und mit der freundlichen Dame im Büro von Delta eine geeignete Kombination von LAN-Flug und Delta-Flug auf der Strecke Lima-New York-Berlin zu finden.

Und tatsächlich: am 18. März war noch ein Platz in der Maschine nach New York und auch am 19. März hatte Delta noch Vakanzen im Airbus nach Berlin. Und nach all dem Chaos und dem Ärger -sozusagen als Wiedergutmachung von seiten des Schicksals- bekam ich sogar jeweils einen Fensterplatz. Mein Gepäck fand sich dann in der Zentrale von Delta Airlines in Atlanta, was ich fünf Tage vor meinem Abflug erfuhr. Zumindest wusste ich jetzt, wo es war.

Die zwei Wochen bis zu meinem endgültigen Abflug vergingen dann auch wie im Fluge. Der letzte Tag brach an, ich war wieder hin- und hergerissen zwischen Vorfreude und Abschiedsschmerz, hatte Taschentücher griffbereit ins Handgepäck getan, nochmal und endgültig Adiós gesagt – und stieg fünf Minuten vor Ende der Eincheck-Zeit ins Flugzeug. Auf Wiedersehen Lima, auf Wiedersehen Peru.

Ich kann nur jedem empfehlen, einen Nachtflug zu buchen, wenn er aus einem halbjährigen (oder längeren) Auslandsaufenthalt zurück nach Hause fliegt. Und Make-Up kann man sich da eh sparen. Den Blick über die von Straßenlampen erleuchteten Hügel von Lima werde ich nie vergessen.

Das Wetter in New York war scheußlich, als ich auf meinem 10stündigen Zwischenstopp in Manhattan spazieren ging. Genauso wie mein Gemütszustand. Wenigstens musste ich mich nicht ums Einchecken sorgen – ich konnte mir am Automaten meine Bordkarte ausdrucken und durfte mich dann in die Schlange für die Sicherheitskontrollen einreihen.

Ich zählte die Minuten bis zur Landung in Berlin. Es war das Allergrößte, meine Mutter und meine Schwester im Flughafen von Berlin vor dieser undurchsichtigen Glasschiebetür stehen zu sehen, nachdem ich ungeduldig die Schlange an der Passkontrolle bewältigt hatte, und sie dann endlich wieder umarmen zu können.

Und jetzt brauche ich erstmal ein Taschentuch.

Mein Gepäck wurde dann einfach mit dem nächsten Flug von der Zentrale in Atlanta nach Berlin geschickt, nachdem ich ein offizielles Papier dazu ausgefüllt hatte – warum war das hier so einfach und in Lima so schwierig? -, und nach fünf Tagen in Deutschland hatte ich endlich all meine Erinnerungen aus Lima in den zwei Koffern vor mir.

So, das wars. Das war Peru. Und obwohl ich es versucht habe, diejenigen, die diese Erfahrung selbst gemacht haben, wissen, wovon ich spreche: man kann es nicht in Worten ausdrücken. Auch Fotos reichen nicht aus. Es hilft nur das reale, subjektive Erleben, am eigenen Körper und an der eigenen Seele. Raus aus den gewohnten Sphären. Gerade dann merkt man, was wichtig ist.

Jetzt bekomme ich langsam wirklich ein schlechtes Gewissen ob der zahlreichen und langwährenden Prokrastinationsaktionen meinerseits, mich vor einem Schlusswort zu diesem Blog zu drücken. Rein psychologisch betrachtet könnte man das als Angst vor der Verarbeitung eines einschneidenen Erlebnisses und vor einem innerlichem Abschluss desselben interpretieren. Aber zum Glück bin ich ja kein Psychologe (nichts gegen Psychologen, ich wohne sehr glücklich seit Jahren mit einer zusammen), sondern Realist und sage also: Faulheit!
Ein anderer Psychologe namens Anonym sagte einmal: Besser spät als nie. Der hat ja auch noch viele andere, meistens sehr richtige Sachen gesagt. Wie zum Beispiel: Der Apfel fällt nicht weit vom Birnbaum. Ist das so vertretbar? Kann ich mich damit identifizieren? Aber dazu ein andermal, das würde jetzt zu weit führen.

Ja, ich habe meinen Flug verpasst. (Mist.) Und ja, meine Koffer sind ohne mich losgeflogen. (Meine ganzen schönen Schuhe, die ich mir in Lima gekauft hatte! Argl!) Und auch ja, dass ich sie dann ohne große Probleme -in Deutschland allerdings erst- wiederbekommen habe. (Die Koffer und die Schuhe.)

Um das alles mal nicht aus dem Zusammenhang zu reißen, fange ich am besten von vorne an und höre hinten auf. Also. Das war so. Wenn man ein halbes Jahr in Peru lebt, unter Peruanern, mit Peruanern, kommt man nicht umhin, gewisse Gewohnheiten, man mag sie auch Eigenheiten nennen, selbst anzunehmen. Vielleicht weil sie einem liegen, vielleicht weil man so ein guter Anpasser ist. Wer weiß. Mir jedenfalls war die wunderbare, grundlegende, ja geradezu legendäre Eigenschaft der Deutschen abhanden gekommen – die Pünktlichkeit. Beim Einchecken war noch alles im Lot. Abflugzeit war 23 Uhr 50, 22 Uhr stand ich brav am Schalter. Mit Übergepäck. Das war aber auch wirklich nicht zu vermeiden. Wenn ihr all die wunderbar bunten herrlichen Klamottenläden gesehen hättet. Und die Schuhläden! *seufz*

Zurück zum Plot. Ich bezahlte also brav meine 60 US-$ Übergepäckgebühr, nachdem ich zehn Minuten gemütlich vor mich hin gewartet hatte, weil ein älteres Ehepaar dem Herrn hinterm Schalter nicht so recht verständlich machen konnte, was sie wollten. Danach ging es hinauf in eine Café auf einen letzten Pisco Sour und eine letzte gemeinsame Zigarette. Und ganz plötzlich war es 23 Uhr 15. Und ich saß immer noch im Café. Der Kellner war weit und breit nicht zu sehen, also drängten wir an die Kasse, bezahlten endlich und machten uns auf den Weg zur Sicherheitskontrolle, wo sich dann unsere Wege endgültig -oder zumindest für eine ganze Weile- trennen sollten. Da kann man halt nicht einfach Tschüs bzw. Adiós sagen und hinter den Glasschiebetüren verschwinden, nein, so leicht ist das nicht. Peru ist schließlich nicht Spanien, mein Herz.

Es scheint, als ob in dieser Nacht die Zeit schneller floss als sonst. Nachdem ich mich also herzlich und lange -zu lange, wie sich herausstellte- von allen meinen Freunden, die da waren, verabschiedet hatte und die Sicherheitszone betrat, leuchteten mir die roten Ziffern einer digitalen Uhr entgegen und schrien: ¡23:48:52! ¡Y contando! Auf Deutsch: 23:48:52! Und schon später! Also nahm ich die Beine in die Hand, setzte mein freundlichstes Lächeln auf, versuchte, Ruhe zu bewahren und startete in den Marathon Richtung Gate 20. Erste Hürde: Die Flughafengebühr von 30 US-$. Den Kurs im Vordrängeln hatte ich in Lima mit Gut bestanden, in dieser Nacht sollte ich mich selbst übertreffen. Nächste Aufgabe: Die Schlange an der Handgepäck-Kontrolle schien unüberwindbar lang. Tief durchatmen. Und los ging es: Permiso, permiso, mi vuelo sale en 5 minutos… (Ha! Welch Schönfärberei!) Alle anderen um mich herum schienen sich mit einer unrealistischen Langsamkeit zu bewegen, als ob mich jemand vorspulen würde. Und es ging noch weiter: Passkontrolle. Zuerst stand ich auch noch in der falschen Reihe – für Behinderte. Wieder durfte ich mich vordrängeln, wurde abgestempelt, durchgelassen und fing nur noch an zu rennen, immer auf der Suche nach dem erlösenden Schild Gate 20. Und dann war ich endlich da.

Es erwartete mich eine junge Dame von LAN, der Fluggesellschaft. Wie kann ich Ihnen helfen? Ich musste erstmal zu Atem kommen, bevor ich ihr sagen konnte, dass ich noch in das Flugzeug einsteigen wollte. Worauf sie ohne mit der Wimper zu zucken meinte: Tut mir leid, die Türen sind zu, und mich fast allein dort stehen ließ. Ich redete auf sie ein, versuchte ihr meine Gründe zu schildern, warum ich zu spät war, und dass ich unbedingt diesen Flug nehmen musste, ich hatte schließlich einen Anschlussflug, aber sie ließ sich nicht erbarmen. -Wir haben die Türen schon geschlossen, und wenn die einmal zu sind, dann kommt keiner mehr rein. -Und mein Gepäck? Tja, das würde wohl vor dem Abflug wieder augeladen, das könnte ich mir unten am Schalter abholen. Na wenigstens etwas, dachte ich. Aber die Dame unten am Schalter suchte und suchte, meine Koffer waren nicht aufzufinden. Und da stand ich nun. Mit einem annullierten Ausreisestempel im Pass unter dem Visum, das nur bis zwei Tage zuvor gültig war, einer sinnlos bezahlten Flughafengebühr, einem verpassten Flug und ohne Gepäck. Was nun?

Wollt ihr wissen, wie es weiter ging? Ob die Heldin einen anderen Flug bekam? Was hat sie wohl in der Zwischenzeit alles so gemacht? Und vor allem: Wie lange muss sie warten, um wieder nach Hause zu kommen? All das und noch mehr gibt es bald in der Fortsetzung!

Mein letzter Monat in Peru ist angebrochen. Und es gäbe noch so viel zu sehen und zu erleben, hier in Lima genauso wie in diesem grossen, schönen, vielfältigen Land – der Dschungel, die Nordküste und viele der verstreuten kleinen Städte mit ihren Besonderheiten.
Was ich aber bis jetzt an Eindrücken mitnehme, ist schon beeindruckend:
Die wunderbaren Inkabauten und die traumhafte Landschaft rund um Cusco, die heissen Vorboten der Atacamawüste um Nazca, die alles austrocknen, und Zeichnungen im Boden, über deren Sinn jeder Peruaner seine eigene Spekulation betreibt.
Das koloniale Lima im Zentrum, wo sich die alten, früher glamourösen Filmtheater in Pornokinos und die ruhigen Flanierstrassen in langweilige, laute Einkaufsmeilen verwandlen. Das lebhafte Lima der Bars, Clubs, Diskotheken und Touristen in Barranco, dessen koloniale Gebäude als ursprüngliche Sommerhäuser der reichen Schicht Limas unter Denkmalschutz stehen. Das gefährlichere und hässlichere Lima in Chorrillos und La Victoria mit vielen, einfachen und immer vollen Salsógromos, Rumbas auf Betonfussballplätzen unter freiem Himmel, wo die Jugend bis in den Tag hinein feiert und regelmässig eine Schlägerei Gesprächsstoff für die nächsten Tage liefert. Und natürlich das ruhige und verhältnismässig sichere Miraflores, wo ich wohne, mit seinen vielen grünen Parks am Meer, wo nachts um zehn im Parque Kennedy einerseits die Familien mit ihren Kindern den Spielplatz bevölkern und sich andererseits die kosmopolite Jugend, die Touristen und die Pärchen treffen, um zu sehen, was die Nacht zu bieten hat.


Und ich werde es alles vermissen, wenn am 2. März zehn Minuten vor Mitternacht das Flugzeug, in dem ich sitzen werde, vom Flughafen Jorge Chávez in Richtung New York abhebt.

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