Am Montag konnte ich endlich das Zentrum von Lima besuchen. Hier stehen all die alten und schönen Kolonialhäuser und Kirchen, die man von der früheren Hauptstadt des Vizekönigreichs der Spanier erwartet. Rund um die Plaza San Martín und die Plaza de Armas kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus: große Gebäude mit Arkaden und hölzernen Balkons; mächtige, weißgetünchte alte Regierungsgebäude mit schmiedeeisernen Toren und dem obligatorischen Wachpersonal; Innenhöfe wie in Andalusien und überall immer wieder Palmen.

Und hier habe ich auch endlich das Nationalgericht von Peru probiert, cebiche. Das sind in Limonensaft marinierte rohe Fischwürfel, angerichtet mit Algen(!), Zwiebelringen, Mais (den es hier in verschiedensten Varianten gibt), Salatblättern und Süßkartoffeln. Dazu ein Bier aus Cusco, eine sogenannte Cusqueña, eins der besten Biere, die es hier gibt. Gekostet hat mich das alles ungefähr 45 Soles, was umgerechnet knapp 11 Euro sind. Und das war eins der teureren Restaurants.

Wir gehen jeden Tag irgendwo essen. Erstens, damit ich all die verschiedenen Gerichte kennen lerne, die es hier in Peru gibt, zweitens, weil es im Büro keinen Herd gibt (und auch keiner Lust hat zu kochen), und drittens, weil es so günstig ist. Und dann schmeckt es auch noch verdammt gut. Was will man mehr? Abends brauche ich schon gar nichts mehr zu essen, weil das Mittagessen so reichhaltig ist. In fast jedem Gericht gibt es Reis oder Kartoffeln. Oder beides. Gemüse leider nicht so viel. Wenn ich ab dem Wochenende in meiner neuen WG wohne, kann ich auch mal wieder selbst kochen – und lernen, peruanisch zu kochen. Papa a la Huancaína zum Beispiel, Kartoffeln mit lecker Käse-Chili-Soße… Und irgendwann vielleicht auch cebiche.
Was das Busfahren hier in Lima angeht, hat Franzi ja schon einen kleinen Einblick gegeben. Ich war am Anfang auch sehr verwirrt und bin es teilweise immer noch, aber das System ist eigentlich relativ einfach: Die Busse fahren meist die großen Avenidas entlang, zum Beispiel führt die Avenida Arequipa von Miraflores geradewegs bis ins Zentrum. Hier orientiert man sich in den Straßen wie in den USA anhand der Häuserblocks bzw. cuadras. Jede cuadra hat eine Nummer. Wenn der nächste Block beginnt, springt die Zahl automatisch eins weiter, egal, ob in der vorherigen cuadra alle möglichen Hausnummern vergeben sind oder nicht. Dadurch findet man sehr einfach die Gebäude anhand der Hausnummern. Zum Beispiel liegt die Deutsche Botschaft in der Avd. Arequipa 4210, also irgendwo in der cuadra 42. Ziemlich simpel, oder? Die Busse halten dann einfach am Anfang bzw. Ende der Blocks, wenn man aus- oder einsteigen will.
Neben dem Fahrer gibt es hier in den Bussen noch eine weitere, wichtigere Person: den cobrador oder die cobradora. Sie stehen meistens in der Tür, halten den Bus an, wenn man ein- oder aussteigen will, sie kassieren das Fahrgeld und sie rufen vom Bus aus den Leuten, die an den Straßenecken warten, die Fahrtstrecke des Busses zu. Die Ziele, die auf den Bussen aufgedruckt sind, darf man getrost ignorieren. Wenn ich zum Beispiel von Miraflores ins Zentrum will, muss es aus dem Bus nach todo Arequipa und Wilson klingen. Sicherheitshalber fragt man natürlich nochmal nach. Man muss sich schon ein wenig auskennen in der Stadt, um den richtigen Bus zu erwischen. Aber dafür ist es wahnsinnig billig, 1 Sol (ca. 25 Cent) pro Fahrt.

Wenn es ein besonderes Ziel sein soll, zu dem die Busse nicht fahren, gibt es noch die vielen Taxen. Über den Fahrpreis wird immer vorher verhandelt, und zwar richtig. Da lassen die limeños (so heißen die Bewohner von Lima) auch mal ein paar Taxen wieder wegfahren, wenn der Preis nicht stimmt. Von Barranco, einem Viertel mit vielen Bars, nach Miraflores haben wir zum Beispiel am Montag abend 6 Soles (1,50€) bezahlt, Fahrtzeit zehn Minuten. Hier herrschen die Regeln des transparenten, freien Marktes: Je größer das Angebot an Taxen, desto günstiger der Fahrpreis. Und je mehr Menschen an der Straßenecke stehen und ein Taxi brauchen, desto teurer wird es.
Um einen wunderschönen Blick auf Lima zu haben, muss ich zum Glück nicht so weit, nur zehn Minuten die avenida Larco runter bis zum Meer……

Mein Wort der Woche ist eigentlich ein Name. Nachdem ich meinen Nachnamen (Herbst) ins Spanische (otoño) übersetzt habe, hat mir David Collazos, einer der Designer des Verlags, seinen Nachnamen erklärt: Wenn früher zwei Söhne verschiedener Mütter von derselben Amme ernährt wurden, nannte man sie collazos – Milchbrüder.