September 2008


Sonntag. Sonne. Miraflores. Alle Welt ist auf den Beinen und flaniert durch die Straßen. Auch die Geschäfte haben geöffnet, so dass man in aller Ruhe shoppen kann. Wenn nur nicht die vielen Menschen wären, die genau dasselbe vorhaben…

Ich erkunde zuerst die Nachbarschaft. Hinter dem Paseo de la Republica, wo ich wohne, sind die Straßen ruhig, die Häuser zwei- bis dreigeschossig und die Zäune und Mauern drum herum hoch. Das viele Grün entspannt die Augen, die Ruhe meine Ohren, und nur selten begegnen mir Menschen, so dass ich in aller Ruhe fotografieren kann.

 

                     

 

Eins der Häuser, mit zwei Etagen, weiß gekalkt, schmiedeeiserne, kunstvoll geformte Gitter vor den Fenstern, steht leer, ich kann bis in den Garten dahinter schauen. Hier würde ich gern einziehen. Und einen alten roten Käfer vor die Tür stellen.

 

Das Meer ist nicht weit, der Malecón ist lang, er zieht sich entlang der Küste von Miraflores bis nach Barranco. Je näher ich LarcoMar, dem Einkaufs- und Vergnügungszentrum in den Klippen von Miraflores, komme, desto mehr Nicht-Peruaner begegnen mir. US-Amerikaner, Westeuropäer, Osteuropäer, und wahrscheinlich auch Menschen aus anderen lateinamerikanischen Ländern, sie erkenne ich nur nicht auf den ersten Blick.

 

Die Aussicht ist fabulös, heute ist sehr blauer Himmel, es ist warm und der Wind weht den leichten Nebel weg, der sonst immer über der Stadt liegt und die Sicht in die Ferne trübt. Diesen Wind nutzen die vielen Paraglider, die wie riesige Vögel über den Klippen schweben, um eine einmalige Sicht über die Stadt zu genießen.

 

                                  

 

Ich bin bis zum Sonnenuntergang geblieben. Eine leuchtende Sonne, wie heiß glühendes Holz, verschwand im Nebel über dem Horizont, innerhalb von Sekunden war die Scheibe eingetaucht in die blaugraue Masse, die nicht das Meer war, und auf einmal war es dunkel.

Diese Woche betreue ich einen Büchertisch auf einem wissenschaftlichen Kongress, der im Gebäude der FAO stattfindet. Wir sind mit eigenen Titeln, einiger unserer Distribution, aber auch Fachliteratur anderer Verlage vertreten. Also gleich dreifach als Verlag, Distribution und Buchhandlung. „Meetings between Cultures in the Ancient Mediterranean“ lautet das Leitthema des archäologischen Kongresses vom 22. bis 26. September und es ist spannend zu beobachten, wer sich aus der Welt für unsere Bücher interessiert. Am Schreibtisch zu sitzen, Faktur für Kunden in Ohio, Tokyo und Jerusalem zu schreiben, ist die eine Sache, aber sich mit einem Professor aus Australien zu unterhalten, gibt dem Ganzen viel mehr Realität. Gegenüber haben Oxbow Books und Cambridge University Press ihre Zelte aufgeschlagen. De Gruyter darf natürlich auch nicht fehlen. Auch wenn der Rahmen recht überschaubar ist, die internationale Stimmung gefällt mir. Es ist schön wieder Englisch reden zu können, auch wenn ich mich unterdessen im Italienischen schon fast wohler fühle. Bei meiner Ankunft gestern Morgen war ich aber alles andere als vorbereitet als mich eine blonde, junge Dame mit den Worten „Entschuldige, aber du bist doch auf meiner Hochschule, oder?“ -auf Deutsch- ansprach. Erst erstaunt, dann erfreut stellten wir fest, dass wir tatsächlich beide an der HTWK studieren. Ganz zufällig habe ich also eine Bibliothekswissenschafts-Kommilitonin getroffen, die bis Dezember auch einen Teil ihrer Praktikumszeit hier in Rom verbringt. Heute haben wir gemeinsam auf der Dachterasse die Mittagspause verbracht, uns über erste Erfahrungen mit Wohnung, Arbeit und Römern ausgetauscht, mit einem einmaligen Blick über Palatino, Circo Massimo, Colloseo, sowie die Dächer und Kirchenkuppeln der Altstadt.

Bis Freitag darf ich diese Aussicht noch genießen, danach geht es wieder zurück ins Büro in der Via Anicia mit Blick auf die Stallungen der berittenen Polizei. Auch nicht von der Hand zu weisen …

 

Am Montag konnte ich endlich das Zentrum von Lima besuchen. Hier stehen all die alten und schönen Kolonialhäuser und Kirchen, die man von der früheren Hauptstadt des Vizekönigreichs der Spanier erwartet. Rund um die Plaza San Martín und die Plaza de Armas kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus: große Gebäude mit Arkaden und hölzernen Balkons; mächtige, weißgetünchte alte Regierungsgebäude mit schmiedeeisernen Toren und dem obligatorischen Wachpersonal; Innenhöfe wie in Andalusien und überall immer wieder Palmen.

 

 

         

 

Und hier habe ich auch endlich das Nationalgericht von Peru probiert, cebiche. Das sind in Limonensaft marinierte rohe Fischwürfel, angerichtet mit Algen(!), Zwiebelringen, Mais (den es hier in verschiedensten Varianten gibt), Salatblättern und Süßkartoffeln. Dazu ein Bier aus Cusco, eine sogenannte Cusqueña, eins der besten Biere, die es hier gibt. Gekostet hat mich das alles ungefähr 45 Soles, was umgerechnet knapp 11 Euro sind. Und das war eins der teureren Restaurants.

   

    

 

Wir gehen jeden Tag irgendwo essen. Erstens, damit ich all die verschiedenen Gerichte kennen lerne, die es hier in Peru gibt, zweitens, weil es im Büro keinen Herd gibt (und auch keiner Lust hat zu kochen), und drittens, weil es so günstig ist. Und dann schmeckt es auch noch verdammt gut. Was will man mehr? Abends brauche ich schon gar nichts mehr zu essen, weil das Mittagessen so reichhaltig ist. In fast jedem Gericht gibt es Reis oder Kartoffeln. Oder beides. Gemüse leider nicht so viel. Wenn ich ab dem Wochenende in meiner neuen WG wohne, kann ich auch mal wieder selbst kochen – und lernen, peruanisch zu kochen. Papa a la Huancaína zum Beispiel, Kartoffeln mit lecker Käse-Chili-Soße… Und irgendwann vielleicht auch cebiche.

 

Was das Busfahren hier in Lima angeht, hat Franzi ja schon einen kleinen Einblick gegeben. Ich war am Anfang auch sehr verwirrt und bin es teilweise immer noch, aber das System ist eigentlich relativ einfach: Die Busse fahren meist die großen Avenidas entlang, zum Beispiel führt die Avenida Arequipa von Miraflores geradewegs bis ins Zentrum. Hier orientiert man sich in den Straßen wie in den USA anhand der Häuserblocks bzw. cuadras. Jede cuadra hat eine Nummer. Wenn der nächste Block beginnt, springt die Zahl automatisch eins weiter, egal, ob in der vorherigen cuadra alle möglichen Hausnummern vergeben sind oder nicht. Dadurch findet man sehr einfach die Gebäude anhand der Hausnummern. Zum Beispiel liegt die Deutsche Botschaft in der Avd. Arequipa 4210, also irgendwo in der cuadra 42. Ziemlich simpel, oder? Die Busse halten dann einfach am Anfang bzw. Ende der Blocks, wenn man aus- oder einsteigen will.

 

Neben dem Fahrer gibt es hier in den Bussen noch eine weitere, wichtigere Person: den cobrador oder die cobradora. Sie stehen meistens in der Tür, halten den Bus an, wenn man ein- oder aussteigen will, sie kassieren das Fahrgeld und sie rufen vom Bus aus den Leuten, die an den Straßenecken warten, die Fahrtstrecke des Busses zu. Die Ziele, die auf den Bussen aufgedruckt sind, darf man getrost ignorieren. Wenn ich zum Beispiel von Miraflores ins Zentrum will, muss es aus dem Bus nach todo Arequipa und Wilson klingen. Sicherheitshalber fragt man natürlich nochmal nach. Man muss sich schon ein wenig auskennen in der Stadt, um den richtigen Bus zu erwischen. Aber dafür ist es wahnsinnig billig, 1 Sol (ca. 25 Cent) pro Fahrt.

 

    

 

Wenn es ein besonderes Ziel sein soll, zu dem die Busse nicht fahren, gibt es noch die vielen Taxen. Über den Fahrpreis wird immer vorher verhandelt, und zwar richtig. Da lassen die limeños (so heißen die Bewohner von Lima) auch mal ein paar Taxen wieder wegfahren, wenn der Preis nicht stimmt. Von Barranco, einem Viertel mit vielen Bars, nach Miraflores haben wir zum Beispiel am Montag abend 6 Soles (1,50€) bezahlt, Fahrtzeit zehn Minuten. Hier herrschen die Regeln des transparenten, freien Marktes: Je größer das Angebot an Taxen, desto günstiger der Fahrpreis. Und je mehr Menschen an der Straßenecke stehen und ein Taxi brauchen, desto teurer wird es.

 

Um einen wunderschönen Blick auf Lima zu haben, muss ich zum Glück nicht so weit, nur zehn Minuten die avenida Larco runter bis zum Meer……

 

 

Mein Wort der Woche ist eigentlich ein Name. Nachdem ich meinen Nachnamen (Herbst) ins Spanische (otoño) übersetzt habe, hat mir David Collazos, einer der Designer des Verlags, seinen Nachnamen erklärt: Wenn früher zwei Söhne verschiedener Mütter von derselben Amme ernährt wurden, nannte man sie collazos – Milchbrüder.

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