Oktober 2008


… dann kann er was erleben. Getreu nach dem alten deutschen Sprichwort hat sich meine liebe Freundin Franzi aus Dresden auf die lange Reise nach Lima gemacht, um mich und Peru zu besuchen. Und ich kann sagen, sie hat wirklich einiges erlebt: die neue Hauptstadt Lima, die alte Hauptstadt Cusco, das heilige Tal mit Pisac und Ollantaytambo und die verlorene Stadt Machu Picchu. Nicht zu vergessen der Abstecher in die Wüste von Nazca. Wenn ich all das erzählen wöllte, was uns in diesen zwei Wochen, die sie hier war, begegnet ist, könnte ich schon fast ein Buch damit füllen. Darum hier die Kurzvariante.

Es ist ja noch nicht so lange her, dass ich mit dem Taxi vom Flughafen den Weg nach Miraflores unternommen habe. Jetzt saß ich am Montag, den 6. Oktober, neben Franzi in einem Taxi und erinnerte mich, wie es für mich war, diese erste Fahrt durch Limas Straßen, dann plötzlich am Meer entlang, dem gewaltigen Pazifik, und endlich angekommen in Miraflores. Für mich war es dieses Mal wie nach Hause kommen.

Da am Mittwoch Feiertag war, haben wir gleich den Dienstag Abend genutzt, um das Nachtleben von Lima zu entdecken: Pisco sour, peruanisches Bier und viel Salsa waren dabei. Den nächsten Tag brauchten wir, um uns zu erholen, und am Donnerstag ging es dann schon auf nach Cusco, 20 Stunden Busfahrt, die wir irgendwie überstanden haben. Den Moment, als wir mit einer Zigarette auf dem Balkon unseres Hostelzimmers saßen und realisierten, dass wir gerade in der alten Inkahauptstadt, dem Touristenmekka Perus mit jahrhundertealter Geschichte auf mehreren tausend Metern Höhe angekommen waren, werden wir beide nicht so schnell vergessen. Wie auch so viele andere Momente. Zum Beispiel die Fahrt von Pisac nach Ollantaytambo, in einem Taxi, das nicht nur uns Zwei von A nach B brachte, sondern auch noch bis zu fünf andere Fahrgäste, einige davon im Kofferraum; der Ausblick von den weitläufigen Inkaruinen von Pisac auf das Tal des Río Urubamba; die Hitze und Weite der Wüste von Nazca und das kühlende Bad im Hotelswimmingpool unter freiem Himmel, um nur einiges aufzuzählen. Eines aber wird uns vor allem anderen immer im Gedächtnis bleiben: unser einstündiger, steiler, abenteuerlicher Aufstieg über alte Inkastufen hinauf nach Machu Picchu, mit wunderbarer Aussicht auf die bis zum Gipfel grünen Berge um uns herum, mit überraschten und auch bewundernden Blicken derjenigen, die uns auf ihrem Weg hinab entgegenkamen, und schließlich die Ankunft auf dem Berg, wo wir von zwei Trekkern mit Applaus begrüßt wurden, einem Israeli und einem Argentinier, die zusammen durch Peru wanderten und uns von anderen verlorenen Städten in den Bergen erzählten. Allein beim Schreiben fliegen mir schon wieder die Bilder durch den Kopf.


Für dieses Land braucht man viel mehr Zeit als wir hatten. Der Titicacasee, der Dschungel, die Städte der Nordküste und noch vieles mehr hätte uns zu Besuchen gelockt. Ehe wir uns versahen, waren die zwei Wochen vorbei, viel Geld ausgegeben, aber auch viele Bilder gespeichert, sowohl in der Kamera als auch im Kopf. Und schließlich kam der Montag des Abschieds. Wieder der Flughafen, den ich hoffentlich erst in vier Monaten wiedersehe. Ein seltsames Gefühl, in der Halle zu stehen und nicht selbst abzufliegen. Wir rauchten eine letzte Zigarette vor Franzis 15stündigem Flug, tranken einen Kaffee zusammen und dann verschwand sie hinter der Sicherheitskontrolle, auf dem Weg zurück nach Europa, nach Deutschland, das mir hier sehr fern vorkommt. Danke, Franzi, dass du hier warst.

Ich muss mich ja in Leipzig vor den Einheimischen immer in Acht nehmen, wenn ich sage, ich war hier noch nicht im Zoo. Wie, du warst noch nicht im Leipziger Zoo!? Du wohnst fast um die Ecke von einer inzwischen nationalen Berühmtheit, dank sei dem Fernsehen, und hast es noch nicht geschafft, die ich weiß nicht wieviel Euro zusammenzukratzen, um dieses -mir fällt keine außergewöhnliche Beschreibung mehr ein- zu sehen?! Shame! On! You!

Hm, ich revanchiere mich hiermit mit Fotos aus dem Parque de las Leyendas – ja, richtig geraten: der Park der Legenden. Riesig, zum Verlaufen, mit sandigen, alten Inkaruinen, unterteilt in sierra, selva und costa, voller Menschen und Tiere aller Arten, und ich mittendrin. Seht selbst.

So schön es auch ist, die Tiere so nah sehen zu können, habe ich doch mit ihnen gelitten. Der Tiger in seinem Käfig und die Jaguare in ihrer Anlage erinnerten mich sehr an den Panther von Rilke. Interessanterweise hat José Luis Borges, ein weiterer Held der Lyrik, auch ein ähnliches Gedicht geschrieben, nur mit einem Tiger. Ich glaube, das sollte ich mal auswendig lernen. Oder mir zumindest irgendwo aufschreiben. Oder mir einen Gedichtband von ihm kaufen. Ja, ich glaube, das ist eine gute Idee.

Fast hätte ich es vergessen, das Wort der Woche: el otorongo. Wenn mich nicht alles täuscht, ist das ein Jaguar. Oder zumindest alles an größeren Raubkatzen, was nicht Tiger oder Löwe ist. Was aber viel witziger ist, ist der übertragene Sinn: Ab und zu schreiben die Zeitung über das allgegenwärtige Phänomen der Korruption in der Politik. Dafür wird einem Politiker auf einem Foto der Kopf eines otorongo aufretouchiert – ein otorongo ist also auch ein korrupter Politiker, Beamter, Polizist, da gibt es ja bekanntlich verschiedene Unterarten.

Es ist Mittwoch Abend, 23 Uhr. Ich sitze an meinem Schreibtisch, nasche Erdbeertrauben, die mein Vermieter vom Abstecher in die Heimat mitgebracht hat, und summe gut gelaunt das Hauptthema des vierten Satzes der neunten Sinfonie vor mich hin. Oriana und ich kommen gerade aus dem Kino. Mein Ohrwurm kommt nicht von ungefähr, denn gesehen haben wir tatsächlich einen Film über das wohl bekannteste Werk Beethovens. „Lezione 21“ erzählt von Genius und Ruhm, Kampf und Einsamkeit des Komponisten, vor allem aber die Geschichte der neunten Sinfonie. Nachdem sie mich letzten Dezember im Leipziger Gewandhaus mit vollem Klang verzaubert hat, war klar, dass ich diesen Film unbedingt sehen musste. Der Trailer (für euch in englisch) versprach einen Mix aus Gegenwartsbezogenheit und surreale Szenen mit winterlich-kargen Landschaften und bärtigen Männern in dicken Pelzmänteln, die mich an ein osteuropäisches Märchenbuch aus meiner Kindheit erinnerten. Und in der Tat war es eine leicht verwirrende, oft aus Fansasiekonstrukten gebaute Geschichte, die trotz allem in glaubwürdiger Weise die Brillianz des Werkes analysierte und in Frage stellte. Falls es eines Tages die Möglichkeit gibt, die englisch-italienische Produktion mit John Hurt (u.a. bekannt aus der Harry Potter Verfilmung), und Noah Taylor zu sehen: Unbedingt anschauen!

***

Ansonsten geht es mir wunderbar. Letztes Wochenende hatte ich besuch von einer guten, langjährigen Freundin, die gerade in Pisa Erasmus macht. Obwohl ich hier bereits nette Menschen kennengelernt habe, tat es mir wirklich gut ein vertrautes Gesicht zu sehen. Das heißt stundenlang zu reden, die Oberflächlichkeiten umgehend, die man in Kauf nimmt, wenn man sich an einem neuen Ort einnistet. Ich denke, ich habe meine Feuertaufe als Reiseführerin ganz gut gemeistert. Auch wenn unsere Füße nach zwei Tagen Sightseeing, die Touristenmassen möglichst meidend (das muss man hier erstmal schaffen!), um Gnade gefleht haben. Wohl am schönsten war das Panorama von der Terasse der Engelsburg, die wir nach verflogener Verlegenheit in herbstlich warmer Sonne richtig genießen konnten. Kostenlos eingeschleust hatten wir uns nämlich, indem wir uns als Studentinnen der Kunstgeschichte ausgaben. Ob der Charme zweier junger Damen oder meine richtige Antwort auf die Stechprobe den Kassierer erweicht haben, werden wir wohl nie ganz wissen.


***

Während meine Bloggefährtinnen mit einmaligen Höhen, Zeugnissen vergangener Kulturen und Religionen fernab der Christenheit Erfahrungen machen, halte ich bei den irdischen Vergnügen die Stellung: Schon ein bisschen länger zurückliegend, aber nicht weniger beeindruckend war ein Open-Air Konzert, das ich den Samstag zuvor gesehen hatte. Zehn Minuten zu Fuß entfernt von meiner Wohnung, stand ich inmitten von tausenden jungen Italienern auf der Piazza San Giovanni in Laterno, bis ins 14. Jahrhundert Residenz der katholischen Päpste. Eine Stunde vor Beginn war ich mit meiner französischen Mitbewohnerin angekommen und war happy einmal wirklich gut sehen zu können. Nicht nur weil bühnennah, sondern aufgrund der durchschnittlichen Körpergröße der Italiener, die ca. 4 cm unter der Deutschen liegt. Nachdem ich die Casting-Teeny-Bands geduldig über mich ergehen lassen habe (Anna war unterdessen verschütt gegangen), war es soweit.

Live, in echt und in Farbe vor mir auf der Bühne: John Legend

Er und ich perfekt abgestimmt: Jeans, braune Lederjacke, beide in bester Stimmung. Er, um sein Talent wissend, wie immer ein wenig zu prahlerisch, nichtsdestotrotz gesanglich beeindruckend und ich beschert mit 50 Minuten Hörgenuss, großartigen Klängen von Piano, Posaune und Backgroundchor und der ein oder anderen Hörprobe des erst neu erscheinenden Albums. Auch wenn ich, so schien es mir, im Radius von zehn Metern die einzige war, die tanzte und die englischen Texte verstand, hatte ich wahnsinnigen Spaß. Nicht zu vergessen die einmalige nächtliche Szenerie der Basilica San Giovanni in Laterno und dem Mond, der schräg links über der Bühne dem Mann am Flügel den letzten Schliff gab …

In diesem Sinne eine gute Nacht.

Nächste Seite »