November 2008


Davon gab es in den letzten zwei Wochen erfreulich viele. Nach über drei Monaten in Rom, endlich der erste Besuch aus Deutschland. Für elf Tage. Man sollte meinen, genug Zeit, um die Stadt in all ihren Facetten zu zeigen und eine gute Chance für dieselbige ihren Zauber zu entfalten. Meint man. Wir waren im Theater mit Juliette Binoche, in der alten Hafenstadt Ostia Antica, einkaufen in den trubelreichen Markthallen meines Viertels, haben so manchen Aperitiv durchprobiert – von den Eissorten der stadtbesten Gelateria mal abgesehen –, haben gekocht, geredet, gelacht. Gereicht hat die Zeit natürlich vorne und hinten nicht! Jetzt, wo ich wieder alleine durch die Straßen schlendere, denke ich mir oft: Hey, das hast du ja ganz vergessen zu zeigen! (Tja, hilft nix. Musst du wohl nochmal wiederkommen!) Mitgebracht hatte Falko übrigens eine Brotbackmischung, die wir natürlich auch ausprobiert haben. Gutes deutsches Vollkornbrot mit einer richtigen Kruste: Wie ich das vermisst habe! Vom Brotbacken verstehen die Römer leider gar nichts. Zwar gibt es Kreationen, die meinen mithalten zu können, aber geschmacklich kommen sie eben doch nicht ran. Bei fünfzehn Euro für’s Kilo kann einem der Appetit auch schon vor dem Kosten vergehen.

Als wollte man mir nach der Abreise meines Gasts die Entwöhnung von deutscher Sprache und Kultur ein wenig leichter machen, kamen Montag und Samstag gleich drei Päckchen aus heimischen Gefilden von meiner Familie. Und eines vermochte es immernoch, die Freude des vorherigen zu übertreffen. Jetzt bin ich stolze Besitzerin zweier Adventskalender, einem Original Dresdner Christstollen und meiner ersten eigenen Weihnachtspyramide. Handgefertigt aus dem Erzgebirge, versteht sich. Und da ich eine waschechte Erfurterin bin, durfte auch eine Ansicht des Weihnachtsmarktes vor unserem Dom nicht fehlen. Beste Voraussetzungen also, um sich auf die Adventszeit einzustimmen.

Hier in Italien macht man bislang noch wenig Trubel. Für die Vorweihnachtszeit gibt es kaum Bräuche und selbst in den Supermärkten habe ich noch keine Schoko-Weihnachtsmänner erspäht. Stattdessen stapeln sich Panettone-Pyramiden. Wer Jan Weiler gelesen hat, kann nachvollziehen, dass ich mich von diesem trockenen, mit Zitronat und Orangeat gespickten Stollen-Fake gerne fernhalte. Dass die Römer um Weihnachten keinen großen Hehl machen, kann ich ihnen aber auch nicht verübeln. Wie kann ein Dezember ohne knirschenden Raureif unter den Füßen und ohne Eiskristalle an den Fensterscheiben schon auf eine besinnlich, gemütliche Zeit einstimmen? Einziger Indikator, da nehmen sich die beiden Länder wirklich nichts, ist die Werbung von Juwelier, Warenhaus und co, die freundlich zum Massenkonsum einladen. Was wie immer funktioniert. Das freut natürlich auch unsere Buchhandlung. Schon Anfang November hatten wir die ersten Kunden im Laden, die fragten, wann denn endlich die schönen Aventskalender kämen. Jetzt sind sie bei uns in der Kinderbuchabteilung der Bestseller.

Eine Erinnerung an die Heimat in ganz anderer Richtung, gab es für mich diese Tage in der U-Bahn. Auf den Infobildschirmen, wurde doch wirklich folgende Werbung eingeblendet.

http://www.leggo.it/20081117/pdf/LEGGO_FIRENZE_17.pdf

Quelle: http://www.leggo.it/20081117/pdf/LEGGO_FIRENZE_17.pdf

Übersetzt: Kredit BHW. Der deutsche Kredit, der dein Haus beschützt. Schön zu sehen, welches Bild den Italienern glaubhaft gemacht wird. Deutschland, der Fels in der Brandung … der große, starke Schäferhund, der dein Wohlergehen behütet … komme doch, was wolle. Geht an den Meldungen über Weltfinanz- und anbrechende Wirtschaftskrise in Deutschland nur leider vollkommen vorbei. Also, schmunzelt, wundert euch, schreibt.

Ich verbleibe für heute mit vielen Grüßen aus Rom.

Dies war, begleitet von einem Jubelschrei, der Satz des Tages. Und eindeutig die Rettung für mein so kälteempfindliches Gemüt. Was für ein Luxus ist es nicht mehr mit Decke und dickem Kapuzenpulli eingemummelt am Schreibtisch sitzen zu müssen!

Jeder sich in Deutschland Befindende legt wahrscheinlich die Stirn in Falten, wenn ich bei Temperaturen von 7°C (nachts) und meist sonnigen 18°C (tagsüber) ins Lamentieren gerate. Aber ja: Man kann auch in Rom frieren. Grund ist eines der viele unnützen Gesetze, das besagt, dass alle Heizungen der Stadt Rom erst ab Mitte November eingeschaltet werden dürfen! Pazzesco (=verrückt)! Wer tatsächlich einen Sinn dahinter erahnt, möge mir bitte schreiben! Aber es geht noch weiter. Weiter heißt es, wer früher einschaltet oder aber im legitimen Zeitraum die vorgeschriebene Maximaltemperatur von 25°C überschreitet, muss Strafe zahlen. Letzteres Problem habe ich nicht, denn über einen Heizregler verfüge ich erst gar nicht. Ha ha, ich seh’ schon wie sich das nächste Dilemma anbahnt!

Bis dahin genieße ich dankbar die mollige Wärme, lehne meine Füße an die Heizung und freue mich an meinem abendlichen Schluck Espresso.

Ich muss zugeben, ich habe die Peruaner falsch eingeschaetzt. Sie haben doch ein System in ihrem oeffentlichen Nahverkehr. Nur ist es so ungewohnt fuer mich und bisher hat es mir noch keiner so richtig erklaert, dass ich es fuer das pure Chaos gehalten habe. Das hat sich seit zwei Wochen geaendert. Ich fahre jeden Tag mit der chama, einem Minibus – die Betonung liegt hierbei auf Mini, man kann darin nicht aufrecht stehen, auch nicht die im Verhaeltnis kleineren Peruaner – ins Buero des Verlags in den Stadtteil Jesús María. Die chama faehrt eine ganz bestimmte Strecke: die avenidas Pardo, La Mar, Córdova, Belén, Pezet, Salaverry entlang, nach San Felipe (das Wohngebiet, wo das Buero ist und ich aussteige) und dann weiter. Die Fahrt mit der chama von Miraflores nach Jesús María dauert je nach Verkehrsdichte und Fahrer 20 bis 30 Minuten. In diesen Minibussen spuert man jedes Schlagloch, und davon gibt es einige auf dieser Strecke. Das Aus- und Einsteigen ist nachmittags gegen fuenf, wenn alle Welt unterwegs ist, vergleichbar mit dem Versuch einer Sardine, aus ihrer Dose zu klettern. Viele der Brems- und Ueberholmanoever der Fahrer bringen einem den Nachbarn oder das Fenster erschreckend nahe.

 

All diese unangenehmen Kleinigkeiten koennen fuer mich aber nicht die entscheidenden Vorteile der chama wettmachen.

Erstens – der Preis: Hin und zurueck bezahle ich S/. 2,40, ca. € 0,60.

Zweitens – die Direktheit: Ich steige direkt vor meiner Wohnung ein und auch direkt vor dem Buero aus.

Drittens – die Haeufigkeit: Ich warte nie laenger als drei, vier Minuten auf eine chama.

Und viertens – ich kann nicht nur an den Haltestellen, sondern an jeder Ampel, Strassenecke, Tankstelle, Bank, oder wo auch immer ich will, aussteigen. Ich muss nur dem cobrador laut genug Bescheid geben. Ich steige zum Beispiel, wenn ich nach Hause fahre, immer an der Tankstelle gegenueber von meiner Wohnung aus. Die magischen Worte sind in diesem Fall, wenn die Tankstelle in Sichtweite ist: el grifo, baja. An der Tankstelle aussteigen.

Dafuer verzichte ich auch auf ein wenig Bequemlichkeit. Und so schlimm ist es gar nicht, man kann sich ja an vieles gewoehnen.

 

Und woher weiss ich nun, welcher von den vielen bunten, verschieden beschrifteten Minibussen meine chama ist? Ganz einfach: ich erkenne sie, wenn nicht an der Aufschrift “CHAMA” auf der Motorhaube, an den farbigen Streifen auf der Seitentuer, von unten nach oben in rot, weiss und gruen. Auch die wichtigsten avenidas, die sie entlangfaehrt, stehen auf der Seitentuer. Ja, das hat also doch etwas zu bedeuten. Allerdings muss man sich ein wenig mit Limas Strassen auskennen, um sich daran orientieren zu koennen. Zur Not kann man aber immer den cobrador fragen. Oder doch ein Taxi nehmen.