Jetzt bekomme ich langsam wirklich ein schlechtes Gewissen ob der zahlreichen und langwährenden Prokrastinationsaktionen meinerseits, mich vor einem Schlusswort zu diesem Blog zu drücken. Rein psychologisch betrachtet könnte man das als Angst vor der Verarbeitung eines einschneidenen Erlebnisses und vor einem innerlichem Abschluss desselben interpretieren. Aber zum Glück bin ich ja kein Psychologe (nichts gegen Psychologen, ich wohne sehr glücklich seit Jahren mit einer zusammen), sondern Realist und sage also: Faulheit!
Ein anderer Psychologe namens Anonym sagte einmal: Besser spät als nie. Der hat ja auch noch viele andere, meistens sehr richtige Sachen gesagt. Wie zum Beispiel: Der Apfel fällt nicht weit vom Birnbaum. Ist das so vertretbar? Kann ich mich damit identifizieren? Aber dazu ein andermal, das würde jetzt zu weit führen.
Ja, ich habe meinen Flug verpasst. (Mist.) Und ja, meine Koffer sind ohne mich losgeflogen. (Meine ganzen schönen Schuhe, die ich mir in Lima gekauft hatte! Argl!) Und auch ja, dass ich sie dann ohne große Probleme -in Deutschland allerdings erst- wiederbekommen habe. (Die Koffer und die Schuhe.)
Um das alles mal nicht aus dem Zusammenhang zu reißen, fange ich am besten von vorne an und höre hinten auf. Also. Das war so. Wenn man ein halbes Jahr in Peru lebt, unter Peruanern, mit Peruanern, kommt man nicht umhin, gewisse Gewohnheiten, man mag sie auch Eigenheiten nennen, selbst anzunehmen. Vielleicht weil sie einem liegen, vielleicht weil man so ein guter Anpasser ist. Wer weiß. Mir jedenfalls war die wunderbare, grundlegende, ja geradezu legendäre Eigenschaft der Deutschen abhanden gekommen – die Pünktlichkeit. Beim Einchecken war noch alles im Lot. Abflugzeit war 23 Uhr 50, 22 Uhr stand ich brav am Schalter. Mit Übergepäck. Das war aber auch wirklich nicht zu vermeiden. Wenn ihr all die wunderbar bunten herrlichen Klamottenläden gesehen hättet. Und die Schuhläden! *seufz*
Zurück zum Plot. Ich bezahlte also brav meine 60 US-$ Übergepäckgebühr, nachdem ich zehn Minuten gemütlich vor mich hin gewartet hatte, weil ein älteres Ehepaar dem Herrn hinterm Schalter nicht so recht verständlich machen konnte, was sie wollten. Danach ging es hinauf in eine Café auf einen letzten Pisco Sour und eine letzte gemeinsame Zigarette. Und ganz plötzlich war es 23 Uhr 15. Und ich saß immer noch im Café. Der Kellner war weit und breit nicht zu sehen, also drängten wir an die Kasse, bezahlten endlich und machten uns auf den Weg zur Sicherheitskontrolle, wo sich dann unsere Wege endgültig -oder zumindest für eine ganze Weile- trennen sollten. Da kann man halt nicht einfach Tschüs bzw. Adiós sagen und hinter den Glasschiebetüren verschwinden, nein, so leicht ist das nicht. Peru ist schließlich nicht Spanien, mein Herz.
Es scheint, als ob in dieser Nacht die Zeit schneller floss als sonst. Nachdem ich mich also herzlich und lange -zu lange, wie sich herausstellte- von allen meinen Freunden, die da waren, verabschiedet hatte und die Sicherheitszone betrat, leuchteten mir die roten Ziffern einer digitalen Uhr entgegen und schrien: ¡23:48:52! ¡Y contando! Auf Deutsch: 23:48:52! Und schon später! Also nahm ich die Beine in die Hand, setzte mein freundlichstes Lächeln auf, versuchte, Ruhe zu bewahren und startete in den Marathon Richtung Gate 20. Erste Hürde: Die Flughafengebühr von 30 US-$. Den Kurs im Vordrängeln hatte ich in Lima mit Gut bestanden, in dieser Nacht sollte ich mich selbst übertreffen. Nächste Aufgabe: Die Schlange an der Handgepäck-Kontrolle schien unüberwindbar lang. Tief durchatmen. Und los ging es: Permiso, permiso, mi vuelo sale en 5 minutos… (Ha! Welch Schönfärberei!) Alle anderen um mich herum schienen sich mit einer unrealistischen Langsamkeit zu bewegen, als ob mich jemand vorspulen würde. Und es ging noch weiter: Passkontrolle. Zuerst stand ich auch noch in der falschen Reihe – für Behinderte. Wieder durfte ich mich vordrängeln, wurde abgestempelt, durchgelassen und fing nur noch an zu rennen, immer auf der Suche nach dem erlösenden Schild Gate 20. Und dann war ich endlich da.
Es erwartete mich eine junge Dame von LAN, der Fluggesellschaft. Wie kann ich Ihnen helfen? Ich musste erstmal zu Atem kommen, bevor ich ihr sagen konnte, dass ich noch in das Flugzeug einsteigen wollte. Worauf sie ohne mit der Wimper zu zucken meinte: Tut mir leid, die Türen sind zu, und mich fast allein dort stehen ließ. Ich redete auf sie ein, versuchte ihr meine Gründe zu schildern, warum ich zu spät war, und dass ich unbedingt diesen Flug nehmen musste, ich hatte schließlich einen Anschlussflug, aber sie ließ sich nicht erbarmen. -Wir haben die Türen schon geschlossen, und wenn die einmal zu sind, dann kommt keiner mehr rein. -Und mein Gepäck? Tja, das würde wohl vor dem Abflug wieder augeladen, das könnte ich mir unten am Schalter abholen. Na wenigstens etwas, dachte ich. Aber die Dame unten am Schalter suchte und suchte, meine Koffer waren nicht aufzufinden. Und da stand ich nun. Mit einem annullierten Ausreisestempel im Pass unter dem Visum, das nur bis zwei Tage zuvor gültig war, einer sinnlos bezahlten Flughafengebühr, einem verpassten Flug und ohne Gepäck. Was nun?
Wollt ihr wissen, wie es weiter ging? Ob die Heldin einen anderen Flug bekam? Was hat sie wohl in der Zwischenzeit alles so gemacht? Und vor allem: Wie lange muss sie warten, um wieder nach Hause zu kommen? All das und noch mehr gibt es bald in der Fortsetzung!