Diesmal wirst du nicht enttaeuscht.

Zugegeben, die letzten Wochen, schon fast Monate ist nicht allzuviel passiert auf unserem Blog. Sieh es als positives Zeichen, dass in unserem Leben viele spannende Sachen passieren, wir Freunde und ein gut ausgefuelltes Privatleben haben, viel reisen und entdecken – und nur deshalb keine Zeit finden, unseren Blog zu pflegen.

Ich fuer meinen Teil haette mich auch ueber ein paar mehr Kommentare von euch gefreut – das wirkt durchaus motivationssteigernd.

Es lohnt sich die letzten Eintraege chronologisch zu lesen und nicht wie auf der Seite veroeffentlicht.

In Kuerze folgt mehr, es bleibt spannend – also dran bleiben! 😉


Die besten Gruesse aus Delhi,

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Auch meine Eltern haben mir zwei Pakete geschickt. Um diese zu erhalten, konnte ich mich aber leider nicht einfach in meinem Bürostuhl zurücklehnen… Die online-Paketverfolgung von DHL bestätigte zwar die Ankunft der Lieferung in Indien am 1. Dezember, jedoch war ein paar Tage vor Weihnachten davon immer noch nichts angekommen. Ich telefonierte mit diversen DHL-Mitarbeitern in und außerhalb Indiens, versuchte den indischen Zoll zu erreichen, der zwar eine Homepage, aber keine Telefonnummer zu besitzen schien, doch nichts nützte. Denn natürlich war keiner für verschwundene Pakete aus Deutschland zuständig und meine Paketnummern hat ihr Netzwerk auch nicht erkannt! Nachdem ich mich also drei Stunden von einer indischen Postdienststelle zur nächsten habe weiterleiten lassen kam die erlösende Antwort: Yes Ma’am, your parcels are at our Post Office, of course you can come and collect them, please note down their numbers…Hallelujah!

Leider korrespondierten die Öffnungszeiten der Poststelle nicht mit meinen Arbeitszeiten, so dass ich erst am 24.12. hinfahren konnte. Und weil in Indien immer alles ein wenig mehr Zeit in Anspruch nimmt als man vermutet, kam ich nach einem schier endlosen Tag 10 Minuten vor Schluss bei Ihnen an.

Ich betrete abgehetzt das Foyer. Am Empfangsschalter sitzt niemand mehr, die Computer sind schon heruntergefahren. Ich so, na super, hätte ich mir ja denken können, ist ja schließlich auch Feiertag morgen, dass die da mindestens eine Stunde früher nach Hause gehen war ja zu erwarten…

Immer wieder kommt mal einer von links und einer von rechts, aber keiner beachtet mich. Irgendwann fragt jemand, worauf ich warte, was ich will?

Ich: Zwei Pakete abholen aus Deutschland.

Er: Hmm. Ja, kommt gleich einer.

Ich wartete. 20 Minuten.

Ein kauziger Mann betritt das Foyer und sagt ich solle ihm folgen. Wir gingen in den ersten Stock des alten Kolonialgebäudes, das auch schon bessere Zeiten erlebt hatte.

In einem Büro nahm ich hinter einem Postmitarbeiter an einem PC Platz und diktierte meine Paketnummern.

Seine Diagnose: Ja die Pakete waren hier, die waren beim Zoll. Die wurden am 21.12. frei gegeben (dem Tag an dem ich anrief) und wurden jetzt weitergeschickt.

Ich (entsetzt): WEITERGESCHICKT?

Mitarbeiter: Ja, weitergeschickt an ihren Zielort. Hier steht, (ich sah es selbst) heute Nachmittag 15 Uhr.

Ich (verzweifelt): Aber ich hab doch angerufen und gesagt, dass ich sie abholen komme! Warum wurden die denn jetzt weitergeschickt?! Und wohin? Direkt zur Adresse? (Kein Problem, ins Büro fahren und aufsammeln) Oder nur zur Poststation in Chanakyapuri?!

Mitarbeiter: Ähm. Weiß nich. Aber wahrscheinlich erstmal zur Poststation. Die macht jetzt aber gleich zu, dass schaffen sie nicht mehr. Und morgen hat sie auch geshclossen. Feiertag. Die Pakete werden dann am 26. geliefert.

Ich: Ja aber das geht doch nicht! Weihnachten ist HEUTE und morgen sitze ich im Zug nach Varanasi, ich brauch die Pakete JETZT!

Mitarbeiter: Ja. Ja. Hmmm. Warten Sie mal kurz hier.

Er geht zwei Tische weiter, eine Frau mittleren Alters wird gebeten in Chanakyapuri anzurufen, das Gespräch 10 Minuten fröhlicher Plausch, Kaffeekränzchen, jaja den Kindern geht’s gut und bei dir so, ja nee, kalt geworden, sag mal sind bei euch zwei Pakete aus Deutschland angekommen heute?

Ich: Und sind sie angekommen?

Mitarbeiter: Weiß nicht.

NA TOLL.

Auftritt kauziger Man.

Zu mir: Kommen sie mal mit!

Okay, es passiert was, das ist ein gutes Zeichen. Ich folge ihm in den dritten Stock.

Dort stehen in einem Vorraum zwei versiffte Schreibtische voll mit Papierstapeln. Hinter dem ersten Tisch sitzt ein kleiner Mann mit Brille, Schnurrbart und Pullunder. Er blättert die Stapel durch, kontrolliert, stempelt, tackert, legt sie zur Seite, befeuchtet seine Finger und nimmt sich die nächste Akte.

Am zweiten Tisch steht ein Mann der mich barsch auffordert mir die Paketnummern zu nennen, ich gebe ihm mein Notizbuch, damit verschwindet er im nächsten Raum. Einer Halle voller Paketberge!

Ich denk mir, ja prima, wenn meine Pakete da irgendwo sind, kann das ja dauern.

Alle restlichen Mitarbeiter wollten gerade Feierabend machen und freuten sich natürlich tierisch, dass ich jetzt noch auftauche und sie Überstunden machen dürfen. Die Nachricht von den Weihnachtspaketen macht die Runde und jeder kommt mal vorbei, um einen Blick auf mich zu werfen.

Auftritt indischer Geschäftsmann.

Geschäftsmann: Hallo, woher kommen Sie?

Ich: Deutschland.

Geschäftsmann: Was machen sie hier?

Ich (lächelnd und in die Halle zeigend): Ich warte auf zwei Pakete.

Geschäftsmann: Ja, das kann schon mal vorkommen, aber sie lächeln ja noch, haben sie denn die Schnauze noch nicht voll von Indien und dieser Post hier?

Ich: Nö, wie kommen sie darauf, ist doch noch nichts verloren!

Geschäftsmann schaut verwirrt und wird vom kauzigen Inder gerufen, der ihm was zum ausfüllen in die Hand drückt.

Ich bin inzwischen die Geduld selbst. Versuche auf der durchgesessen Couch gegenüber dem Pullunder- Inder ne gute Figur zu machen und Zuversicht auszustrahlen.

Einer der Mitarbeiter kommt aus der Halle und grinst mich breit an, ich interpretiere das positiv, als: Paket gefunden… und tatsächlich! Um die Ecke spähend sehe ich, wie sie zwei Postsäcke öffnen, in denen meine Pakete schon für den Transport nach Chanakyapuri gepackt wurden.

Alles klar, super Post. Dass einem die indische Faulheit und Langsamkeit mal zu Gute kommt, fast nicht zu glauben.

Doch dann, der Papierkram!

Kauziger Mann hat nun auch ein Formular für mich. Kann die Pakete nicht einfach mitnehmen, es muss erst noch protokolliert werden, warum die Pakete nie in Chanakyapuri ankommen werden. Gut. Verstanden.

Zum Glück war ich vorher noch ein Zugticket kaufen und habe deshalb meinen Personalausweis dabei, ohne Identitätsnachweis wäre an dieser Stelle Schluss gewesen. Es wird eine Kopie gemacht und die Pakete aus der Halle getragen. Juhu. Juhu.

5 Minuten später stehen drei Inder und ich um die Pakte herum. Es folgen die Fragen:

Woher komme ich? Woher kommen die Pakete? Wer hat sie geschickt? Was ist drin?

Ich: Ja keine Ahnung was drin ist, Geschenke, wäre ja sonst keine Überraschung mehr!

Dass sehen die Inder ein, doch dann, ich habe die Pakete schon fast unterm Arm, die fieseste Frage, der kauzige Mann will meinem Firmenausweis sehen.

FIRMENAUSWEIS? Haben wir nicht.

Er: Nicht?! Aber wir brauchen einen Nachweis, dass Sie bei der angegeben Firma tätig sind. Und unter dieser Adresse zu erreichen, sonst können wir Ihnen die Pakete nicht mitgeben.

Ja..puuhh, ähm, ich sage, eine Kopie meines Praktikumsvertrages habe ich leider nicht dabei, aber eine Broschüre der Firma…und hole sie heraus.

Der kauzige Mann wirft einen Blick drauf. Ich lächele mein vertrauenswürdigstes Lächeln.

Er: Na, dann wünsch ich Frohe Weihnachten!

Zwei der Mitarbeiter nehmen meine Pakete und ich folge Ihnen ins Erdgeschoss, diverse Schilder „Staff Only – No Entry“ passierend.

Ihr erinnert euch, an den Mann der mir ganz am Anfang zusicherte, es werde gleich jemand kommen und sich kümmern? Er war der Abteilungsleiter. Vor ihm stehen wir jetzt und er muss noch mal kontrollieren, dass ich ich bin, meine Pakete meine Pakete und dass alle Formulare richtig ausgefüllt sind. Dann gibt’s nen Durchschlag für mich und ein verschmitzes Lächeln mit den Worten: Na ich sehe, sie haben ihre Pakete bekommen!

Weihnachten war gerettet! Bescherung deluxe folgte. Der kleine Weihnachtsbaum wurde aufgestellt und im Glanze seiner Lichterkette und einer Honigwachskerze vom Leipziger Weihnachtsmarkt genoss ich meinen ersten Lebkuchen, den Kirschwein meines Vaters und knackte die Walnüsse aus unserem Garten.

Ich hatte nicht gedacht, dass mir Weihnachten so wenig fehlen würde.

Immerhin war es ein fester Bestandteil meines Lebens, und ich habe es gerne gefeiert. Habe die Zeit mit der Familie genossen, ebenso wie die Zeit für mich selbst zwischen den Jahren.

Aber hier in Delhi, wo es weder einen goldenen Herbst noch schneeverwehte Winter gibt, erinnert auch Nichts an eine besinnliche Adventszeit. Und ich muss nüchtern feststellen. Woran man nicht erinnert wird, vermisst man auch nicht so sehr. (Die Straßenkinder, die an der Kreuzung hässliche Weihnachtsmannmasken verkaufen, zählen hier definitiv nicht!)

Die Weihnachtsstimmung wird ja doch vor allem durch die Adventszeit verbreitet, die Vorfreude auf den Moment, an dem man andere mit seinen Geschenken überraschen kann. Auch wenn man mittlerweile erwachsen ist und sich nicht alles um Geschenke dreht, sondern vielmehr um das zusammen sein, macht der Advent aus dieser Jahreszeit doch etwas Besonderes und baut diese einzigartige Atmosphäre auf. Diese besinnliche Zeit und vor allem die Woche zwischen den Jahren, führte bei mir auch immer zu einem bewussten Jahreswechsel. Man ist zu Hause bei seinen Eltern, und beschäftigt sich mit nicht so vielen Dingen. Ja klar, meist stehen im Neuen Jahr Klausuren an und alle machen Gewese um Silvester. Aber schon alleine weil man so vollgefressen ist von den Feiertagen, muss man einen Gang runterschalten und trödelt tröge das Jahr aus, mit viel Zeit zum nachdenken und reflektieren während man verdauend vorm Kamin sitzt. Und das vermisse ich mehr als Weihnachten, diese besondere Woche im jahr, diesen Schwebezustand zwischen den Jahren, wo die weihnachtliche Vorfreude und Anspannung abgelöst wird von der Vorfreude aufs Neue Jahr, was es bringen wird, welche Chancen, Aufgaben und Herausforderungen…

Deshalb scheint für mich die Welt hier in Delhi gerade still zu stehen. Kein Herbst, kein Winter, keine Jahreszeiten, keine Jahre… Ganz merkwürdig. Man weiß es passiert, aber man kann es nicht fühlen …die innere Uhr versagt in diesem Fall ganz offensichtlich.

Gänzlich ohne deutsche Weihnachten musste ich nun aber zum Glück nicht leben. Zum ersten Advent besorgten Claudi und ich Acrylfarben, große bunte Papierbögen, Kartoffeln und kauften alles Süße und fettige, das in den indischen Kiosken für 5 Rupees das Stück erhältlich war. Wie die Heuschrecken zogen wir von einem zum nächsten und kehrten zufrieden mit prall gefüllten Tüten ins Kibi zurück. Wo das Projekt Weihnachtskalender in die zweite Runde ging. Wir schnitzten kunstvolle Tannenbäume, Sterne und Engel, um mit Hilfe des guten alten Kartoffeldrucks aus den Papierbögen angemessenes weihnachtliches Geschenkpapier herzustellen. Ein Spass sag ich euch!

Irgendwann wurden auch die Kinder, der Bauarbeiter die gerade das Kibi renovieren auf unsere Aktion aufmerksam und scharrten sich neugierig um uns. Natürlich zögerten wir nicht lange, kramten ein paar Papiertüten hervor und ließen sie mitdrucken. Aufgrund der sprachlichen Barrieren verzichteten wir auf detailiertere Erläuterungen zum Hochdruck und weiteren Druckverfahren. Die Kinder arbeiteten handwerklich einwandfrei. Ein Junge druckte ohne Hilfsmittel mit einer Leichtigkeit reihenweise Weihnachtsbäume diagonal exakt ausgerichtet aufs Papier. Das war ganz schön beeindruckend.

Aus moralischen und sicherheitstechnischen Gründen ließen wir sie die Süßigkeiten nicht mit einpacken und zogen uns für Phase drei in unser Zimmer zurück.

Die Random House Mitarbeiter, sowie Arin und Akshay haben sich wirklich gefreut als wir die Kalender am nächsten Tag in den Büros aufhingen. Sie waren sich einig, so etwas würde in Indien definitiv nicht funktionieren, die indische Neugier sei viel zu groß – Darauf warten, dass ein neuer Tag beginnt, bevor man ein Geschenk auspacken kann, wenn es einem direkt vor der Nase hängt? Verrückt!

Zwei Tage später trudelte im Büro ein Paket ein – der Inhalt ein phantastischer Weihnachtskalender von Konny und Claudi für MICH! Liebevoll gebastelt und bestückt mit allerlei tollen Sachen, die mir die Morgen im Büro versüßt und mich abends ganz wunderbar unterhalten haben. Man erntet, was man säht… 😉

Nachdem ich uns in die Wüste geschickt hatte, durfte Claudia das nächste Ausflugsziel bestimmen. Da die buddhistische Philosophie eine große Rolle in ihrem Leben einnimmt, war es nicht verwunderlich, dass wir bald darauf den Bus nach Dharamsala bestiegen. Im nahe gelegenen McLeod Ganj residiert die Exilregierung Tibets, darunter natürlich auch der Dalai Lama.

Dieser war bei unserer Ankunft leider nicht zugegen, sodass wir uns das Kloster ohne ihn anschauen mussten. Dabei hätten wir ihn tatsächlich gebraucht, die indischen Touristen hätten vielleicht den Fokus wieder zurück auf buddhistische Motive gebracht und weniger Bilder von uns geschossen.

Das Klostergelände fand ich eher enttäuschend, verglichen mit dem KIBI sehr lieblos und schlicht. Einziges Highlight für mich, die um Bäume herum gebauten Terrassen und Gebäudeteile, mit Aussparungen für Äste und Wurzelwerk.

McLeod Ganj liegt malerisch auf einem Hügel inmitten von Wald mit dem Himalaya Panorama im Norden. Es gibt einen Rundweg um die Monastry, der nicht nur einen phantastischen Ausblick bietet, sondern auch wunderschön mit Gebetsfahnen, kleinen Schreinen, Gebetstafeln und Steingompas gesäumt ist. Die Tibeter drehen hier im Uhrzeigersinn zur Energieerhaltung und – vermehrungen ihre Runden um den Tempel. Dieser Rundweg in McLeod Ganj gilt als Ersatz für den um den Potala Palast in Lhasa, erfuhr ich in dem sehr informativen Museum, das über Einmarsch der Chinesen 1950, die Flucht der Buddhisten und die Kulturrevolution in Tibet Auskunft gab. (Inhaltich als auch gestalterisch, eine der besten Ausstellungen, die ich bisher gesehen habe.)

Das Städtchen selbst war nicht sehr überlaufen. So konnte man ganz wunderbar von der Dachterasse eines Restaurants aus die vielen rotgekleideten Mönche und Nonnen bei ihren täglichen Einkäufen beobachten.

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Samstagvormittag wollten Claudi und ich die Gegend erkunden und unseren schlappen, Delhi-geplagten Lungen ein wenig Waldluft gönnen. Wir sind in Richtung eines Wasserfalls aufgebrochen, bis zu einer abgelegenen German Bakery (die es hier in Indien zu Hauf gibt, aber an denen Nichts Deutsch ist, die Teilchen erinnern mich am ehesten an das Gepäck, dass ich mit Vierzehn im Ferienlager in Tschechien zum Frühstück bekommen habe) wo wir uns Rosinenschnecken als Verpflegung kauften. Einen Steinwurf entfernt entdeckten wir einen Hügel, der über und über mit Gebetsfahnen behängt war und beschlossen uns den Platz etwas genauer anzuschauen. Den höchsten Punkt des Berges markierten die Fahnen jedoch nicht, und so tapsten wir noch etwas die Böschung hinauf, bis aus dem Geäst ein schwarzer Mischlingshund auftauchte. Wir schauten uns kurz an, er ging an uns vorbei. Blieb stehen, machte kehrt und trottete hinter uns her. Der Pfad, dem wir gefolgt waren spaltete sich in zwei Richtungen, da wir weder eine Karte noch ein konkretes Ziel hatten (den Wasserfall zu finden, glaubten wir nicht mehr), fragte ich den Hund, welchen Weg wir wählen sollten. Er hob den Kopf, setzte sich in Bewegung und ging Voraus, wir folgten. Wir folgten ihm über eine Stunde über Stock und Stein, manchmal einen Pfad erkennend manchmal nur vertrauensvoll hinterher stolpernd. Ab und zu blieb er stehen, witterte, wusste selbst nicht so recht wie weiter, dann ergriffen wir die Initiative und entschieden die Richtung. Geduldig und selbstverständlich wartete er, wenn wir mal eine Pinkelpause einlegten oder Fotos schossen. Wir hatten keinen Zweifel an seinen Führungsqualitäten.

Es ging stetig bergauf und tatsächlich lichtete sich irgendwann das Blätter- und Nadeldach über uns und wir hatten den Gipfel erreicht. So recht konnten wir das erst selbst nicht glauben – der Hund hatte uns tatsächlich zum Gipfel geführt!

Wir waren stolz auf unseren Gefährten, der uns nicht enttäuscht hatte; stolz auf unseren Mut und die Unvernunft ihm blind zu folgen.

Es war mittlerweile Nachmittag und sie Sonne schien sanft in die im Süden liegenden Täler, auf die wir zufriedene von einer alten Bank, unseren neuen Freund zu Füßen, hinunterschauten. Als wir uns auf den Rückweg machten, verschwand er ebenso unbemerkt wie er zuvor vor uns aufgetaucht ist…

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Die Sonne brannte erbarmungslos auf das stahlblaue Dach des Jaisalmer Delhi Express, Zugnr. 4059. Wir saßen durstig und erschöpft auf den blauen Polstern des Sleeper Class Wagons, der uns sanft auf den Schienen wiegte und ein monotones Rattern und Klappern von sich gab. Durch die trüben Fensterscheiben sahen wir wie sich draußen die Landschaft verändert hatte; Grüne Felder mit arbeitenden Frauen in bunten Saris, wichen trostlosen trockenen Ebenen und steinigen Hügeln.

Das Abteil leerte sich mit zunehmendem Abstand zu Delhi. Die verlassenen Plätze, eben noch mit schmatzenden, Rotz hochziehenden und uns anstarrenden Indern besetzt, bedeckte langsam eine Schicht Wüstenstaub, der sich seinen Weg durch die undichten Fenster suchte. Nur der Chai-Verkäufer störte die Ruhe der Reisenden, wenn er mit seinem eindringlichen Ruf durch den Waggon schritt.

Wir waren bereits 18 Stunden unterwegs. Claudi sehnte sich nach einer kalten Dusche, Christoph nach einer kalten Cola und ich nach beidem. Zum Frühstück gabs Omelette mit Toast vom Bahnsteig durch das Zugfenster gereicht (30 Cent), ergänzt durch Bananen (3 Cent/Stück) und Chai (6 Cent) – ausreichend und lecker.

Zwei weitere Stunden vergingen bis wir am Ziel unserer Reise angekommen waren, einer der entlegendsten Winkel Rajasthans – Jaisalmer. Eine gigantische Sandsteinfestung, die sich über einem Hügel in der öden Wüstenlandschaft erhebt und einen atemberaubenden Anblick bietet, eine goldene Stadt, eine Fata Morgana aus der Zeit der Ritter und Märchen… so beschreibt es der Lonely Planet, dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Von der Dachterasse unseres Hotels aus, hatten wir einen traumhaften Blick über die Stadt und das mittelalterliche Fort und buchten für noch traumhaftere 2000 Rupees (30 Euro) eine 2-tägige Kamelsafari in die Wüste. Das war eine harte Verhandlung, mit dem Hotelbesitzer, die wir nur durch eine kleine Notlüge gewannen…die unvermeidliche und üblicherweise Verhandlungen einleitende Frage nach unserer Herkunft hatten wir mit einem selbstbewussten „Czech Republic!“ beantwortet.

Bevor wir uns am nächsten Tag in das wüste Abenteuer stürzen konnten, musste zunächst Claudis und meine Garderobe den Gegebenheiten angepasst werden. Jeans, Wüstensand und Kamelsättel ist ja nicht die beste Kombi. Neben leichten Hosen mit dem Schritt an den Knien, kauften wir in der Altstadt auch luftige Leinenhemden, um der Hitze zu trotzen. Und es war ein Vergnügen durch die engen Gassen Jaisalmers zu streifen, hinter jeder Biegung ein neues architektonisches Schmuckstück entdeckend.

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Unsere Safari begann mit einer Jeepfahrt durch die Steinwüste. Um den Abenteuerfaktor etwas zu steigern, und etwas mehr von der Landschaft zu sehen, wechselten wir nach kurzer Zeit auf das Dach des Jeeps. Das Stahlgerüst unter unserem Hintern war nicht wesentlich unbequemer als die durchgesessenen Sitze und der Fahrtwind in den Haaren erleichterte die Hitze. So ging es weiter Richtung Südwesten, unser Ziel war das „real desert“. Nicht nur trockenen Boden und Geröll, sondern sanft geschwungene Sanddünen wollten wir schließlich mit unseren Kamelen durchqueren…

Doch etwas Wüstensand macht noch keine Sandwüste und so wurden wir nach ein paar Stunden auf dem Rücken unserer Kamele langsam ungeduldig …zumal der Abenteuerfaktor wieder erheblich abgenommen hatte. Wir hatten jeder unser eigenes Tier mit persönlichem Kamelführer, plus ein Gepäcktier. Während wir auf den Wüstenschiffen ein wenig rumgeschaukelt wurden, latschten die Guides fröhlich neben uns her – und wir kamen uns ein wenig veralbert vor in Schritttempo neben Strommasten an der Leine durch Indien geführt zu werden – sehr aufregend.

Dafür entschädigte die malerische Kulisse bei der Mittagsrast, und das von uns selbstgeklopfte Chapati (Fladenbrot) als Snack.

Die Kamele übrigens ganz toll. Sabbernd, unangenehm riechend, eigensinnig, mit großen braunen Kulleraugen und langen Wimpern vertrauensselig dreinschauend, so wie man sich das wünscht.

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Kurz vor Sonnenuntergang dann die Überraschung: Sanddünen! Wir hatten ja schon nicht mehr damit gerechnet, glaubten Opfer der leeren indischen Versprechen geworden zu sein, aber da waren sie schließlich. Nun kein ganzes Sandmeer, eher ein herüber gewehter Streifen von 500m Breite und 2km Länge, aber immerhin. Man musste sich nur klug positionieren und die Illusion war nahezu perfekt.

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Der Platz für das Nachtlager wurde erreicht. Zusammen mit unseren Guides schnippelten wir Gemüse und schälten Unmengen an Knoblauch für das Abendessen. Anständige Kerle waren das mit Humor, Wissensdurst und Liebe zu ihren Kamelen. Denen wurden bei jeder Rast die Sättel abgenommen und der Rücken massiert. Der Tourist hingegen erfährt als einzige Fürsorge die ständige Nachfrage nach seinem Wohlbefinden. Und der Beteuerung: You happy – We happy!

Die Nacht in der Wüste war der Wahnsinn. Tiefschwarzes Himmelzelt mit Millionen von Sternen. Und auch wenn ich schon viele Nächte im Schlafsack unter den Sternen verbracht habe, die Milchstraße habe ich hier zum ersten Mal wirklich gesehen und so manches neue entdeckt. Zum Beispiel den Eintritt einer Sternschnuppe in unsere Atmosphäre; das helle, explosionsartige Aufleuchten des verglühenden Gesteins fanden wir alle drei ganz schön beeindruckend.

Die Füße im warmen Sand eingegraben verbrachten wir noch einige Stunden in den Dünen und verloren uns im Universum.

Der nächste Tag begann heiß und träge. Über Nacht hatten sich ein streunender Hund und ein weiteres Kamel der Gruppe angeschlossen. Unsere Führer nahmen ihre Philosophie, you happy –we happy tatsächlich ernst. Um uns einen anständigen Kamelritt bescheren zu können, brauchten sie selbst ja auch noch ein Reittier. Das Gepäckkamel wurde von einem Freund der Guides mitgenommen und wir starteten den Rückweg. Einmal die Zügel links und rechts an den Hals geschlagen, ein Zungenschnalzen und mein Kamel trug mich in flottem Trab durch die Wüste. Herrlich!

Zum Glück funktionierte das auch ganz wunderbar im Damensitz, denn nach gewisser Zeit wird es doch unangenehm und schmerzhaft. Am Abend zu Hause angekommen, war uns völlig unklar, wie man eine Kameltour von 8 Tagen, überstehen konnte… Alle drei kauften wir uns am nächsten Tag vor der Abreise noch tolle Kamelledertaschen.


Es ist Montag Früh 6.30 Uhr, der Morgennebel hängt noch in den Gassen und wir sitzen dick eingemummelt in einem Café, trinken Chai und essen Chapati mit Erdbeermarmelade. Aus den kleinen Pensionen und Hotels dringen allmählich Stimmen und bald sind die Straßen wieder belebt von Eseln und Pilgern.

Das Dorf, indem wir uns befinden ist Ausgangspunkt für zwei bekannte Sehenswürdigkeiten: Zum Einen natürlich mein Valley of Flowers, was 3km entfernt beginnt und sich in einem etwa 10km langen Tal erstreckt, zum Anderen gibt es einen Bergsee auf 4300m Höhe, Hem Kund, an dem ein wichtiger Sikh-Guru in einem früheren Leben meditiert haben soll und dessen zu Ehren dort ein Tempel errichtet wurde. Die Pilger von denen ich spreche sind also fast ausschließlich Sikhs, und ähnlich wie Mekka bei den Muslimen, sollte jeder Sikh in seinem Leben einmal diesen heiligen Platz besucht haben. Dementsprechend bunt gemischt ist die Pilgerschar. Von den traditionellen in blau und orange gekleideten Kriegern bis zu jungen Studenten mit Sonnenbrille und Adidas-Sneakern ist alles dabei. Allen gemeinsam ist jedoch die Neugier nach unserem Herkunftsland, was zur Folge hat, dass wir ziemlich schnell genervt sind und deshalb anfangen sie raten zu lassen. Nicht immer lösten wir das Rätsel auf und blieben einfach die Niederländer, Kanadier oder Israelis für die sie uns hielten… 😉

Wir waren so ziemlich die einzigen Touristen, die für das Valley gekommen waren, was nicht zuletzt daran lag, dass der Herbst bereits Einzug hielt und von der Blütenpracht der Regenzeit nur noch wenig übrig sein sollte. Allen Vorrausagungen zum Trotz sind wir voller Zuversicht aufgebrochen, kann ja gar nicht sein, dass wenn wir extra diese beschwerliche Reise auf uns nehmen, keine Blumen mehr da sind. Heißt ja wohl auch Valley of Flowers! Klar das der erste Eindruck vom Valley dann auch ziemlich ernüchternd war, denn wie der Herbst nun mal ist, dominiert der Verfall und nicht die Blüte. Je tiefer wir ins Tal eindrangen, desto mehr erschloss sich uns die Schönheit der Jahreszeit. Grundsätzlich bin ich ja sowieso der Herbsttyp und normalerweise würde ich um diese Zeit meinen jährlichen Spaziergang auf dem Südfriedhof unternehmen, um die Farben und Gerüche in vollen Zügen genießen zu können. Das Valley war ein würdiger Ersatz und die rot und golden leuchtenden Berghänge, ein Rest hoffnungsvollen Grüns zusammen mit den schneebedeckten Gipfeln hatten ihren eigenen Reiz. Im Nachhinein möchte ich diesen Anblick nicht gegen ein purpur schimmerndes Meer von Blumen eintauschen, vor allem nicht, wenn man statt zu zweit mit zweitausend Menschen das Valley teilen muss. Wir genossen die Einsamkeit. Und wenn man aufmerksam durchs Tal ging, entdeckte man vereinzelt Blumen, die stellvertretend die Stellung hielten und nur umso wertvoller waren.

Verzaubert und zufrieden mit sich und der Welt schlug Claudi auch irgendwann vor, dass wir doch, wenn wir schon mal hier sind und die Berge vor der Nase haben, nicht nur das Valley und Hem Kund sehen sollten, sondern doch auch den einen oder anderen Gipfel oder Pass erklimmen könnten…?! Ich erstmal skeptisch, sie -ganz klar- voller Abenteuerlust. 10 Sekunden später saßen wir, wie der Zufall es wollte, auf einer Bank in dem Zimmer eines Guides, eines buddhistischen Guides, dem einzigen Buddhisten im Dorf, an dessen Fenster wir auf dem Heimweg hängen blieben, um die Fotos und Schmuckstücke zu bewundern, die er aufgehängt hatte. Die Verbindung war da und Rashnish entpuppte sich nicht nur als ziemlich netter Typ und guter Fotograf, sondern auch als absoluter Fachmann. Wir fühlten uns gut aufgehoben und planten mit ihm einen Pass in der Nähe des Hem Kund zu meistern. Ein Zwei-Tages-Trek in kalter Höhe für den ich meine spärliche Ausrüstung noch schnell mit Handschuhen und einer langer Unterhose aufrüsten musste… aber tolle rote Handschuhe hab ich bekommen! 🙂

Stille.

Keine absolute Stille, sondern die Stille der Natur ist es, die uns auf 4500m empfängt. Im Windschatten eines riesigen Findlings spürt man den Wind noch leicht, aber man hört ihn nicht. Man hört nur das leichte rascheln der vertrockneten Gräser, die gellenden Schreie der Krähen am Himmel und manchmal den hellen Ton der Glocke am Sikh-Tempel. Umgeben von 6000m hohen Gipfeln schaut man hinunter auf Hem Kund, indessen heiligem eisigem Wasser man eben noch seine Füße gebadet hat, man fühlt die Wärme der Sonne auf der Haut und sieht wie sie den glasklaren blauen See zum glitzern bringt.

Solche Momente versöhnen mich mit allem. Mit allen Anstrengungen und allen Problemen die in meinem Kopf herumschwirren. Das letzte Mal hatte ich einen solchen Moment auf der Fährfahrt von Helsinki nach Stockholm letzten Sommer. Sonnenuntergang auf hoher See mit kräftigem Wind auf Deck.

Man fühlt sich, als ob man den Lauf der Welt versteht, alles wird gut, alles ist gut. Jeder Augenblick kostbar.

Mit dem Sonnenuntergang krochen wir ins Zelt und lauschten den Abendgebeten des Tempels, die der Wind den Berg hinauf trug. Ein schöner Moment um einzuschlafen, doch das entpuppte sich als größte Herausforderung des Tages. Die Nacht war furchtbar. Der Hang zu steil, die Grasbüschel und Steine unbequemer als in den schottischen Highlands, das Zelt viel zu klein für drei Personen und mal abgesehen von der Kälte, war das größte Problem die Höhe, die uns nicht einschlafen ließ. Ich war total fertig am nächsten Morgen. Kopfschmerz und Übelkeit ignorieren, die durch den raschen Aufstieg am Vortag eine kleine Höhenkrankheit auslösten, tapfer sein und Zähne putzen. Wir hatten ja nicht mal einen Kocher dabei, um ’nen schönen heißen Tee zu machen – bei morgendlichem Frost nur umso schwerer zu ertragen.

Der Aufstieg zum Pass hielt ein paar nette Klettereinlagen bereit und hat sich natürlich gelohnt, die Aussicht auf 5500m war einfach unvergesslich. Der Blick auf die nahen Gipfel und die tiefen Täler im Suden unbeschreiblich, wahrhaftig scheint es so als ob man auf die gesamte Welt herunter blicken kann. Genauso unvergesslich war jedoch auch unser Abstieg, ein wilder Ritt mit den Isomatten hinunter vom Gipfel! Im Tiefschnee dem Valley entgegen, saugeil ;)!

Die Motivation brauchten wir aber auch, denn die anschließende nicht-enden-wollende Moräne war etwas anspruchsvolleres Terrain und ganz schön anstrengend. Der Pass war der Übergang von Hem Kund zum Valley of Flowers und weil Rashnish gegen Spontanität genauso wenig einzuwenden hat wie wir, änderte er kurzerhand die Route, sodass wir nicht über Hem Kund zurückkehrten, sondern ein weiteres Mal durch dasValley wanderten.

Aus zwei Tagen wurden so drei Tage, denn um auf den richtigen Pfad zu kommen mussten wir zunächst eine geeignete Stelle zur Flussüberquerung finden. Barfuß einen breiten Gebirgsfluss zu überqueren war auch echt mal noch was neues für mich und meine Nervenenden. Wir fühlten uns ein wenig wie in einem Fantasy Roman oder altem Märchen, wo nach jeder Gefahr eine neue Aufgabe auf die Helden wartet, bis sie endlich den Schatz finden oder die Prinzessin retten können.

Unser Nibelungenhort am Ende der Reise? – Natürlich die Reise selbst, denn der Weg ist das Ziel. Vor allem wenn abends die seltenen Steinadler durch die Lüfte segeln, man am Wegesrand Bergkristalle und selbst Rashnish unbekannte Blumen und Tierspuren findet.

Nachtrag:

Mir ist gerade noch etwas eingefallen, ein wahrlich goldener Hort war auch meine indische Lieblingsnachspeise Gulab jamun, die ich in den Bergen in jedem Dorf, an jedem Abend geniessen durfte … habs ja schliesslich auch gleich wieder abtrainiert. 😉

Gulab jamun, das sind fluffige Teigkuegelchen, erst frittiert und dann in heissem Zuckersirup gebaden, gewuerzt mit Zimt und Safran – yummi!

Nachdem ich aus Rishikesh zurückgekehrt war, habe ich an einem Nachmittag die Karte von Uttaranchal (dem Staat indem wir gereist sind) noch mal ein wenig genauer studiert und entdeckte plötzlich den kleinen Eintrag Valley of Flowers. Das kam mir ganz schön bekannt vor und ich erinnerte mich auch gleich, dass ich letztes Weihnachten mit meinen Eltern einen Film geschaut habe, der diesen Titel trug – er spielte im Himalaya und zeigte neben wenig Handlung viel atemberaubende Landschaft, das Valley of Flowers war das Ziel der beiden Protagonisten, ein verborgenes und geheimnisvolles Tal, indem seltene Blumen und Pflanzen wuchsen. Ich nahm damals an, dass das Valley nur eine Phantasie des Drehbuchautors war, aber nun wusste ich – es existiert TATSÄCHLICH.

Der Zauber des Films war immer noch präsent und es war klar, ich will dieses Valley mit meinen eigenen Augen sehen!

Nach kurzer Recherche stellte ich fest, die einzige Möglichkeit für mich das Valley zu bereisen ist JETZT. Es liegt im Himalaya dicht an der Grenze zu Tibet, was bedeutet, dass im Oktober der Winter beginnt und es ganz schnell ganz schön kalt wird, zu kalt und schneeig, um es später noch erreichen zu können.

Zum Glück bekam ich von Akshay ein paar Tage frei und konnte Claudi ohne Schwierigkeiten als Reisebegleitung gewinnen.

Bevor Claudi an dem Freitag unserer Abreise nach Hause kam, packte ich meine Sachen und warf nochmals einen Blick in den Reiseführer. Wir wollten mit leichtem Gepäck reisen, alles was in meinen Deuter passte, durfte mit. Unglücklicherweise konnte ich den Reiseführer (zu schwer und groß) auf keinen Fall mitnehmen, also notierte ich mir noch schnell auf einem Zettelchen das Wichtigste. Wobei mir nicht ganz klar war, was bei den ganzen Orten und Verbindungen die wir bereisen werden wirklich wichtig für uns sein würde …

Bis auf die Zugtickets für den ersten Abschnitt der Reise nach Haridwar hatten wir nichts im Voraus geplant oder gebucht. Die Idee für den Trip und die Zusagen der Arbeitgeber kamen spontan und während unserer Woche mit Christoph blieb nicht viel Zeit für Reisevorbereitungen. Klar ausgedrückt – unvorbereiteter für ein solches Abenteuer konnte man kaum sein.

Das Abenteuer begann früher als geplant, nämlich bereits auf dem Weg zum Bahnhof. Wir hatten extra ein richtiges Taxi bestellt, um allen eventuellen Ärgernissen mit trotteligen Rikschafahrern aus dem Weg zu gehen – Murphy’s Law sag ich da nur.

Wir waren natürlich eh schon bissl spät dran und der Cabdriver schlich förmlich über die leeren Straßen des nächtlichen Delhi, jede Aufforderung schneller zu fahren verunsicherte ihn zusehends und verlangsamte das Tempo um weitere 5 km/h. Schließlich, 500m vorm Bahnhof, blieb er ganz stehen, faselte auf Hindi etwas von Polizei, Bußgeld und er dürfe nicht direkt bis zum Bahnhof fahren – während 20 andere Autos und Taxis genau dies taten und weder irgendwo Polizei noch entsprechende Hinweisschilder zu sehen waren. Die Zeit rannte uns einfach davon und nachdem sowohl verständnisvolle als auch wütende Worte den Fahrer nicht zur Weiterfahrt bewegten, hab ich mir Claudi geschnappt, ausm Taxi gezerrt, die nächste Autorickshaw angehalten, um uns noch rechtzeitig zum Bahnhof zu befördern. Der Taxifahrer blieb unbezahlt und verdattert zurück, ob er wirklich falsch informiert war oder uns nur abzocken wollte, werden wir wohl nie so genau wissen …

Unser Zug verließ den Bahnhof um Mitternacht. Wir schliefen gut in der 2. Klasse, Kissen, Bettdecke und Bettzeug wurden gestellt, 4 Uhr Morgens erreichten wir Haridwar. Die Stadt empfing uns um diese Uhrzeit mit einer unglaublichen Geschäftigkeit, mit einem Brummen und Hupen, als ob alle Welt bereits auf den Beinen ist, die Straßencafés hatten geöffnet, die ersten Obstverkäufer waren mit ihren Wagen unterwegs und so hatten wir keine Schwierigkeiten einen Bus nach Rishikesh zu finden. Ja genau wir fuhren über Rishikesh, was mir einen weiteren Sonnenaufgang am Ganges und den grünen Berggipfeln schenkte.

Seit unserem Cabdriver lief es wie am Schnürrchen, auch in Rishikesh fanden wir sofort den richtigen Bus, zu einem guten Preis, kauften noch schnell Bananen und Wasser, um für die anstehende 9stündige Busfahrt gewappnet zu sein. Da die Pilgersaison dem Ende zuging war der Bus nicht voll besetzt und wir okkupierten kurzerhand die hinterste Sitzreihe, um es uns bequem zu machen. Die Straßen sind in einem grausigen Zustand und man wird bei jedem Schlagloch förmlich durch den Bus geschmissen. Keine Minute ohne dass man nicht durch körperfremde physikalische Kräfte bewegt wird. Schlafen kann man im Liegen ganz gut, wenn man sich entsprechend zwischen den Sitzen festkeilt und den Kopf gut polstert. Ansonsten empfehle ich eine aufrechte Position am Fenster einzunehmen und die Landschaft zu genießen.

In Indien einen Platz in einem „Überlandbus“ zu bekommen, ist auch nicht einfach nur Ticket kaufen am Schalter: als erstes Bushalteplatz finden, meist nicht so schwierig, kann man sich gut durchfragen; den richtigen Bus finden, schwieriger, weil alle Busse von privaten Unternehmern gestellt werden, die ohne festen Fahrplan ihre Route abfahren und die Zielorte im Vorbeifahren aus der Tür herausschreien. Man sollte sich also vorher informieren, wann üblicherweise die Busse in eine Richtung starten bzw. vorbeikommen und welche Städte auf der Landkarte noch nach dem eigenen Ziel kommen.

Nach 5h Fahrt durch das Vorgebirge öffnete sich vor uns ein Tal, das den Blick freigab und mir meine erste Aussicht auf die schneebedeckten Gipfel des Himalaya bescherte. Ich freute mich wie ein kleines Kind. Klar sind das nicht die ersten Berge gewesen, die ich in meinem Leben gesehen habe, aber man redet immer von so vielen Dingen – was man im Leben alles sehen will, wohin man noch reisen möchte usw.– in diesem Moment begriff ich erst, dass ich mir gerade einen dieser Träume realisierte, dass ich nun wirklich auf dem Weg zum Himalaya war – dieses nicht greifbare riesige Gebirge, das Dach der Welt, einfach der Wahnsinn.

Zwei Abendessen (einfach megahungrig gewesen), eine Nacht und eine einstündige Jeepfahrt später starteten wir zur letzten Etappe der Anreise, einem 14 km langen Trek von 1800 auf 3000 Höhenmeter. Begleitet von den Glöckchen der zahlreichen Maultiere, die beladen mit Konsumgütern, Pilgern oder deren Gepäck mit uns den Weg teilten. Das Wetter war natürlich wundervoll, sonnig mit leichtem Wind.

Vor Sonnenuntergang erreichten wir das Dorf, welches der Ausgangspunkt fuer Ausfluege ins Valley of Flowers ist und in einem wunderschönen Zedernwald liegt. Wir genossen die Aussicht, den Eimer mit heissem Wasser zum Duschen und das Abendessen, herzhafte Kartoffelpuffer mit frittiertem Gemüse und lecker Sosse zum dippen. Mit der Dämmerung kam auch die Kälte und wir schlüpften schnell in unsere Bettchen, um fuer die kommenden Tage neue Karft zu tanken.

(Forsetzung folgt …)